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Im Königreich der Nachricht
Der Trippelmord fand in der Nacht zum 22. Mai 1999 statt. In einem Bauernhof am Orderud Gård, etwa sechzig Kilometer östlich von Oslo, wohnte der 81-jährige Kristian Magnus Orderud mit seiner Frau Marie (84). In dieser Nacht war auch ihre Tochter Anne Orderud Paust zu Gast. Die Täter hatten zwei Waffen, einen Revolver Kaliber 38 und eine Pistole Kaliber 22. Mit mehreren Schüssen töteten sie das alte Ehepaar und deren Tochter.
Diese Schüsse am Orderud Gård waren auch die Startschüsse eines einmaligen medialen Wettbewerbs in Norwegen. Wie keine andere Geschichte in den vergangenen Jahrzehnten dominierte der Trippelmord die norwegischen Medien. Die Ermittlungen, die Bezichtigungen, die Anklage, der erste Gerichtsprozess, das Urteil, die Berufung und dann ab Januar 2002 das vorläufig letzte Kapitel, der zweite Gerichtsprozess. Immer wieder gab es neue Enthüllungen, Gerüchte und Sensationen.
Der Trippelmord wurde nicht nur mit extremer Brutalität durchgeführt, auch die vier Angeklagten sorgten für Tragödien-Stoff: Per Kristian Orderud, der Sohn von Kristian und Marie, stand in einem ungeklärten Erbschaftsstreit mit seinen Eltern, seine junge Frau hatte ein äußerst schlechtes Verhältnis zu ihnen. Kristin Kirkemo, Veronicas hübsche Halbschwester, war früher Pornomodell und hatte, wie ihr ehemaliger Freund, der vierte Angeklagte, Kontakte zur kriminellen Szene Oslos.
Schon vor dem ersten Prozess im Amtsgericht von Nes (April 2001) war klar: Ein rekordverdächtiges Medienaufgebot würde von den Gerichtsverhandlungen berichten. Kurz vor Prozessanfang sorgte dann die Online-Zeitung Nettavisen für Wirbel. Die Zeitung, die ausschließlich im Internet erscheint, ging mit dem alten Fach der Stenografie neue Wege in der Gerichtsberichterstattung. Zwei Stenografen sorgten dafür, dass dem Leser kein Wort der Gerichtsverhandlung entging - und zwar so aktuell wie möglich (Live-Berichte aus dem Gerichtssaal im Radio und Fernsehen sind in Norwegen - wie auch in Deutschland - verboten). Dazu kamen noch sieben redaktionelle Mitarbeiter, die die eigentliche journalistische Arbeit machten.
Mit ihren "near live"-Berichten würde Nettavisen über eine ethische Grenze treten, meinten Kritiker. Nettavisens Chefredakteur Odd Harald Hauge wies die Kritik in einem Leitartikel zurück: "Nettavisen wird die Gerichtsberichte vom Orderud-Prozess nur in Ausnahmefällen redigieren (...). Wir werden nicht bewerten, welche Zeugen relevant oder welche Namen wichtig für den Prozess sind. Du kannst lesen und dir selbst eine Meinung bilden" (20. April 2001).
Als Nettavisen am 1. November 1996 online ging, hatten die meisten norwegischen Zeitungen bereits ein Web-Angebot. In Skandinavien erlebte das Internet seine erste Boomzeit, und ein Preiskrieg zwischen Internetanbietern beschleunigte die Verbreitung des neuen Mediums.
Die Konkurrenz war aber nur auf den ersten Blick ernst zu nehmen. Die Zeitungen stellten, mit wenigen Ausnahmen, nur eine Auswahl der Artikel ihrer Printausgabe Online, da die Verleger noch skeptisch und zurückhaltend waren. Nettavisen, mit einer zwanzigköpfigen Redaktion und ohne einen Printtitel, den es zu verteidigen galt, konnte frei experimentieren und fand schnell ein Erfolgsrezept für den norwegischen Markt.
Dieses Erfolgsrezept hieß: Nachrichten, Nachrichten, Nachrichten - und zwar schnell, schnell, schnell. Von Anfang an veröffentlichte Nettavisen rund um die Uhr, sieben Tage in der Woche, mit dem im Internet entscheidenden Vorteil: ohne Redaktionsschluss. Diese redaktionelle Ideologie setzte sich schnell unter den Redakteuren durch und wurde von den Lesern geschätzt. Schon in den ersten Wochen zeigte sich auch, dass die Nutzerzahlen vor allem dann in die Höhe schnellten, wenn eine "breaking news"-Geschichte lief und man minütlich neue Details veröffentlichte.
Es dauerte einige Jahre, bevor auch die Konkurrenz die Geschwindigkeit des Internets verstanden hatte und diese Erfolgsformel nachahmte. Die
reine Internetzeitung hat sich in Skandinavien inzwischen als wichtiges Massenmedium etabliert. Schnelle News waren dabei aber nicht das einzige Erfolgsrezept. Online-Zeitungen besitzen Elemente des historischen skandinavischen Zeitungstyps, der so genannten Omnibuszeitung. Nettavisens Chefredakteur definierte das Profil seiner Zeitung so: Zwischen Aftenposten und VG - also eine Zeitung mit Elementen einer Qualitätszeitung sowie einer Boulevardzeitung.
Die Omnibuszeitung spricht keine definierte Zielgruppe an, sondern versucht, etwas für alle anzubieten. Laut Medienprofessor Helge Østbye von der Universität in Bergen wurde dieses Modell bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geprägt, in Norwegen vor allem von Zeitungen wie Aftenposten und Bergens Tidende. Sie sind auch heute noch die größten norwegischen Abonnementszeitungen. Die Omnibuszeitung will eine kontinuierliche Berichterstattung über alle wichtigen Bereiche der Gesellschaft bieten, die für den Großteil der Bevölkerung verständlich sein soll.
Traditionellerweise ist die typische skandinavische Zeitung eine Mischform: Die Einzelverkaufszeitungen in Tabloidformat sind für ihre guten und einflussreichen Politikredaktionen bekannt - und die Abonnementszeitungen verstecken ihre Kriminalgeschichten nicht in einem vermischten Ressort auf der letzten Seite.
Der Stolz der skandinavischen Zeitungsverleger ist ihre Auflagen- und Leserstatistik. Vor allem Schweden und Norweger sind eifrige Zeitungsleser. 80 Prozent der norwegischen Bevölkerung liest beispielsweise jeden Tag mindestens eine Zeitung.
Speziell der Erfolg der Omnibuszeitung lässt sich durch weitere Faktoren erklären: Eine geringe Bevölkerungszahl mit entsprechend kleinen Eliten, eine egalitäre Gesellschaftsstruktur, kein übergreifender skandinavischer Zeitungsmarkt.
Eine fehlende Elitezeitung - etwas Ähnliches wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung gab es beispielsweise nie - hat in Skandinavien auch die Hierarchie der journalistischen Genres beeinflusst. In Deutschland sprechen die Journalisten mit Sehnsucht vom Kommentar, von der Seite-Drei-Reportage oder dem genialen Feuilletonartikel. In Skandinavien steht dagegen die Nachricht, der Scoop, ganz oben. Als erster eine wichtige Entwicklung in einem Kriminalfall wie Orderud zu melden, davon träumt man, und so werden Karrieren gemacht.
Es ist daher kein Zufall, dass die skandinavischen Zeitungen wahrscheinlich "Weltmeister" der Distribution sind. Die größte norwegische Tageszeitung VG hat erst um 3 Uhr Redaktionsschluss, ist in den wichtigen Städten aber schon um 6.30 Uhr am Kiosk und nur wenige Stunden später im ganzen Land verteilt. Auch Regionalzeitungen versuchen, ihre Deadline so spät wie möglich zu legen - die Titelseite soll nicht alt aussehen. Die deutsche Distributionsdebatte um den "revolutionären" Redaktionsschluss der Financial Times Deutschland (22.30 Uhr) würde ein skandinavischer Zeitungsmanager nicht verstehen.
Skandinavische Chefredakteure verteidigen gern und energisch ihr Omnibusmodell gegenüber Kritikern. Dies musste auch Hans Magnus Enzensberger erfahren, der die Auslandsberichterstattung der norwegischen Presse untersuchte.
Der Publizist verglich die Auslandsseiten sechs norwegischer Zeitungen mit denen von Le Monde, Corriere della Sera, El País, der Neuen Zürcher Zeitung, der FAZ und Bild. Die vernichtenden Ergebnisse seiner Studie präsentierte Enzensberger auf einer Tagung an der Osloer Universität und in einem Artikel für die Kulturzeitschrift "Samtiden" (als Übersetzung auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 7. März 2002 erschienen, siehe Kasten). Nur Bild informiere ihre Leser schlechter über die Geschehnisse im Ausland, so Enzensberger.
Die norwegischen Zeitungsvertreter waren sich einig: Enzensberger repräsentiere nur die Interessen einer kleinen Elite. Die norwegischen Zeitungen betrieben ein "Aufklärungsprojekt", hieß es in einem Kommentar in Dagbladet, der drittgrößten Zeitung: Man müsse auch diejenigen erreichen "die an Literaturtheorie oder an Friedensmodellen für Afrika nicht interessiert sind".
Die Zeitungslandschaft in Skandinavien ist nicht so unveränderlich, wie es zunächst erscheint. Das vergangene Jahrzehnt wurde vor allem von einer neuen, starken Wirtschaftspresse geprägt. In allen drei Ländern steigerten alte und neue Wirtschaftstitel ihre Auflage, die meisten sind inzwischen sehr profitabel. Der Marktführer in Norwegen, Dagens Næringsliv, hat beispielsweise eine Auflage von 72.000 Exemplaren, im Vergleich zu deutschen Finanz-Tageszeitungen und der Größe ihrer Zielgruppe beachtlich. Da die Wirtschaftszeitungen sich an eine bestimmte Zielgruppe wenden, Businessleute mit hohem Einkommen, sieht man sie als eine Herausforderung für die Omnibuszeitungen. Auch im Internet sind neue Finanz-Angebote erfolgreich.
Der Erfolg der Wirtschaftsmedien hat mehrere Gründe: Die skandinavischen Sozialdemokraten haben in den letzten zwanzig Jahren ihre Märkte und die gesamte Ökonomie liberalisiert. Das egalitäre Gesellschaftsmodell wird von mehreren Entwicklungen, vor allem aber den Auswirkungen der Globalisierung, unter Druck gesetzt. Und wie in Deutschland ist der Anteil Menschen, die Aktien besitzen, stark gestiegen.
Bislang bedrohen die Onlinemedien, mit wenigen Ausnahmen, die traditionellen Zeitungen nicht. Internetzeitungen wie Nettavisen haben zwar beeindruckende Leserzahlen, der Online-Anzeigenmarkt erzielte aber auch in Skandinavien noch keinen entscheidenden Durchbruch. Inzwischen verbesserten die etablierten Zeitungen ihre Onlineangebote und bieten Nettavisen Konkurrenz.
Zwei neue Tendenzen sind damit im skandinavischen Journalismus auszumachen: Das Omnibusmodell bekommt Konkurrenz durch die Wirtschaftszeitungen; gleichzeitig verstärken und erneuern Online-Medien das Modell durch ihre konsequente Nachrichten- und Kriminalberichterstattung.
Mittlerweile ist auch der zweite
Gerichtsprozess im Trippelmordfall Orderud
abgeschlossen. Die Angeklagten wurden zu
Gefängnisstrafen von 17 bis 21 Jahren
(die Höchststrafe in Norwegen) verurteilt.
Im zweiten Prozess hat die Geschichte eine
neue Art der Kriminalberichterstattung
inspiriert, die über die Nachrichtenformel
der Online-Zeitungen hinaus geht. Viele Medien
versuchten, die Angeklagten zu Prominenten
zu machen, was ihnen auch gelungen ist.
In Norwegen weiß jeder, wer Per, Veronica,
Kristin und Lars sind - Nachnamen muss man
nicht nennen. Und als kurz nach dem Urteil
bekannt wurde, dass Kristin Kirkemo ein
Buch schreiben möchte, standen die Verlage
sofort Schlange. Danach meldeten sich
dann auch die drei anderen mit Buchplänen.
Quellen:
Hans Magnus Enzensberger: "Verden skrumper på avispapiret", Samtiden Nr. 1, 2002.
Gudleiv Forr: "Typisk norsk å være norsk", Dagbladet 13. Februar 2002.
Fall Orderud: Berichte und Leitartikel in Nettavisen.
Veröffentlicht in Message, Nr. 3 2002.
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